Menschen im Kneippianum: Psychologin Sonja Endras

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Kneippianum, Gesundheitsressort in Bad Wörishofen. Interview mit der Psychologin Sonja Endras über die 5 Säulen und die Wirkung der Kneipp-Methode.

Die Menschen. Basis der Kneipp’schen Lehre sind die fünf Säulen: Wasser-Güsse, Bewegung, Ernährung, Kräuterheilkunde und die Ordnungstherapie. Für jede dieser Säulen stehen im Kneippianum verschiedene Menschen ein. In KNEIPP LIEBT DICH, dem Blog des Kneippianums, wollen wir einige der Menschen vorstellen, die den Gästen helfen, die fünf Säulen zu leben. In diesem Beitrag geht es um die Ordnungstherapie – wir begegnen der Psychologin Sonja Endras

 
Ein kleiner Raum, Dielenfußboden, hohe Decke, zwei große Fenster, durch die das Sonnenlicht herein drängt. Es fällt auf die Möbel. Ein Sideboard, auf dem ein großes Bild steht in kräftigem Gelb, daneben ein kleiner Granitbuddha mit einer frischen Blüte im Schoß. Das Licht scheint auf den Paravent, der das Waschbecken abschirmen soll, frech blitzt es durch die Ritzen. Die Sonne ignoriert ein Bücherregal, in dem manche psychologische Fachliteratur steht und ein frühlingshafter Blumenstrauß, dafür umrahmt sie warm und weich eine Sitzecke – ein Tisch, zwei einander gegenüber stehende Stühle. Zwischen beiden eine Box mit Papiertaschentüchern. Der Beleg dafür, dass es bei manchen Gesprächen sehr intensiv zugehen kann.
 
Sonja Endras ist die Psychologin im Kneippianum. Eine Frau mit einem offenen, freundlichen Blick und einer sehr intensiven Art, ihrem Gegenüber zuzuhören. Und das Zuhören, das ist eine ihrer wichtigsten Tätigkeiten. Denn die Menschen, die zu ihr kommen, müssen erst einmal was los werden. Was sind das für Menschen? „Aus allen Bereichen, quer durch fast alle Altersgruppen“, sagt Sonja Endras, „Frauen und Männer mit sehr verschiedenen Symptomen, die doch vielfach am selben leiden – an einer Überforderung im Alltag.“ 
 
Wie macht sich das bemerkbar? „Sehr unterschiedlich und doch auf gewisse Weise typisch: Männer merken erst gar nicht, was mit ihnen los ist, bis schließlich das Feedback aus dem Umfeld immer massiver wird, Kollegen und Familienmitglieder klagen über Gereiztheit, die Performance lässt nach, sie leiden unter Panikattacken, der Schlaf wird schlechter, es kommt zu Fehlern, die sozialen Bindungen leiden. Dann sitzen sie hier und suchen nach einer Lösung. Frauen klappen komplett weg, kippen bei der Arbeit um oder wachen morgens auf und können nicht ins Büro gehen. Wochenlang nicht.“
 
 
Kneippianum-Endras©SBaade-10
 
Sonja Endras spricht über die Unterschiede. Dass Männer eher zu spät Hilfe suchen, dann aber sehr lösungsorientiert sind. Dass Frauen weniger Probleme damit haben, zur Psychologin zu gehen. Aber dass die dann oft erst einmal gar nichts tun könne, denn manche Frauen seien so geschwächt, die müssten erst aufgebaut werden. Und das sei das besondere an ihrer Arbeit hier im Kneippianum. „Ich gehe ganzheitlich vor, hinterfrage beim Gegenüber alle Lebensbereiche: Wie ist es mit der Bewegung, zu wenig, zu viel? Wie sind die finanziellen und familiären Verhältnisse? Wie steht es in der Partnerschaft? Das Gleichgewicht ist das Maß aller Dinge. Und Kneipp hat damals schon von der hektischen Zeit gesprochen. Man müsse lernen, sich zu fokussieren – etwas zu Ende zu bringen.“ 
 
Es ist eine bemerkenswerte Situation, mit einer jungen, modernen Wissenschaftlerin über ein sehr zeitgemäßes Gesundheitsphänomen zu sprechen – denn schließlich geht es in vielen Fällen um das aktuelle Volksleiden „Burnout“ – und zu erkennen: Die Lösung für den Umgang damit ist in einer Lehre zu finden, die vor rund 150 Jahren entstand. Sonja Endras sagt, Kneipps Ordnungstherapie handele vom Gleichgewicht, heute nennen wir das Work-Life-Balance. „Kneipp wird keine E-Mails gekannt haben. Und doch kann ich mit Bezug auf Kneipp meinen Patienten Empfehlungen geben, wie sie ihre E-Mails managen, um sich besser konzentrieren zu können – und mehr Zeit für sich zu haben.“
 
Diese Hilfestellung für den Alltag schätzt Sonja Endras besonders an ihrer Arbeit. Denn eigentlich sei ein Therapeut kein Ratgeber. „Ich gebe aber durchaus konkrete Impulse. Ich sehe mich als Koordinator und Brückenbauer mit dem Anspruch, dem Gegenüber zu ermöglichen, im Alltag wieder klar zu kommen.“ Und damit steht Sonja Endras, die schon immer eine Leidenschaft für die Psychologie gehabt hat, und die dennoch erst eine Ausbildung zur Zahntechnikerin machte, ehe sie sich über den dritten Bildungsweg ihrer Berufung stellte, in einer Linie mit Sebastian Kneipp: Anteil nehmen, Vertrauen rechtfertigen, konkrete Lebenshilfe bieten. Kein Maybe sein. Sondern eine starke Schulter. Und auf dem Tisch steht eine Packung Taschentücher – für die Arbeit, die gemacht werden muss.  
 
 
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